Mit dem Beginn der Schulpflichtigkeit und dem Schuleintritt fängt für das Kind eine neue Lebensphase an, welche meistens mit sehr viel Aufregung und Freude erwartet und angegangen wird.
In den ersten Wochen und Monaten an der Schule erfährt das Kind nun,
– wie es sich einfinden kann in das Schulsystem,
– ob es die Aufgaben genauso gut versteht, wie die anderen Kinder
– und ob die Lösungswege, welche es einschlägt, wirklich hilfreich sind und zu Lösung und Zufriedenheit führen.
Für Kinder mit partiellen Entwicklungsverzögerungen oder unzureichenden Deutschkenntnissen, sowie auch für Kinder, welche ein eher ungewöhnliches Lernverhalten entwickelt haben, wären diese Anforderungen schon gleich zu Beginn eine Überforderung und ungleich höher als für die Klassenkameraden. Diese Kinder können dann um ein Jahr zurückgestellt werden und in die Vorklasse aufgenommen werden.
Um die noch nicht vollständig ausgereifte Schulfähigkeit frühzeitig erkennen und erfassen zu können, werden verschiedene schulische Maßnahmen durchgeführt, welche vor dem Schuleintritt beginnen und in Zusammenarbeit mit den Kindergärten, der Schulleitung und den ErstklasslehrerInnen stattfinden:
Die einjährige Vorklasse ist eine kleine Klasse mit ca. neun bis vierzehn Kindern. Es stehen zwei Räume (jeweils ca. 30qm) zur Verfügung. In dem „Klassenraum“ finden eher ruhige Prozesse statt. Im „Spielzimmer“ ist Raum z.B. für den Stuhlkreis, das Bewegungsspiel, für Rollenspiel und Bauen.
Es wird nicht nach einem festen Lehrplan gearbeitet, sondern es werden nach einer Beobachtungsphase individuelle Förderpläne entwickelt. Umfang und Form des Förderangebots wird mit den Eltern besprochen, weitere begleitende Gespräche finden bis zum Schuljahresende statt. Der Unterricht wird von einer festen Bezugsperson durchgeführt und findet in der Gesamtklasse und in Kleingruppen statt. Auch ein erhöhtes Zuwendungsbedürfnis kann somit berücksichtigt werden. Im Mitlaufkurs werden Deutschkenntnisse aufgebaut und vertieft.
Um eine individuelle Lernkompetenz auszubilden und die komplexeren und abstrakten Wahrnehmungsleistungen wie Denken und Sprache zu trainieren wird an verschiedenen Ebenen angesetzt.
Oft ist die erste Spiel- und Gestaltungsebene das Erfahren und die Integration der basalen Körpersinne (Muskeln, Gelenke, Haut, Gleichgewicht und Organe) und Sinnesorgane (Auge, Haut, Ohr, Zunge und Nase).
So erhält das Kind Spürinformationen darüber, wie die Wirklichkeit ist, wodurch ein Verstehen von Zeit und Reihenfolge, über Ursache und Wirkung, erleichtert wird. Die kindliche Freude am Spiel, die natürliche Neugierde am Erforschen und der Wunsch zu verstehen bekommen Raum und Entfaltung. Das Kind lernt, Probleme zu lösen und seine Umwelt handelnd zu verändern.
Weitere Schwerpunkte sind
Beweglichkeit.
Besondere Schwächen, welche einer außerschulischen Förderung bedürfen, werden frühzeitig erkannt und können gezielt bearbeitet werden. Bei den Beratungsgesprächen mit den Eltern werden oft unterstützende Maßnahmen, wie z.B. Vorlesen, Kinderturnen, Hortbesuch, Psychomotorik angeraten, auch kann dann eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt empfohlen werden, ein Kontakt kann auf Wunsch der Eltern durch die Vorklassenleiterin hergestellt werden. Eine Zusammenarbeit mit allen Ämtern und außerschulischen Abklärungs-, Förder- und Therapiemaßnahmen ist erwünscht und findet statt, sobald die Eltern ihre Zustimmung dazu geben.
Die Freude und die Erfolgserlebnisse im Schulalltag, das Tun und Begreifen geben dem Kind einen positiven Schulstart. Mit dem Erlangen der Schulreife und gestärkt mit einer stabilen Basis kann es dann in das erste Schuljahr eintreten.
Falls bei einzelnen Vorklassenkindern sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird, können diese Kinder schon gleich mit dem Eintritt in die ersten Klassen adäquat eingeschult werden. Dies bedeutet an unserer Schule, dass das Kind in eine “GU-Klasse“ aufgenommen wird.
Bei den Hospitationen in den ersten Klassen wird beobachtbar, wie sich die ehemaligen Vorklassenkinder eingliedern können und wie sie den Unterrichtsstoff bewältigen. In der Zusammenarbeit mit den Erstklasslehrerinnen wird beraten, unterstützende Informationen und Erfahrungen werden weitergegeben.
Die ehemaligen Vorklassenkinder sind den Schulrhythmus und seine Erfordernisse bereits gewohnt und können sich gut auf den neuen Schulalltag einlassen. Die gewachsene Reife ermöglicht den Kindern eine positive Teilnahme am Unterricht.
Falls die Verhaltensprobleme und die allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwächen noch in den ersten Klassen auftreten, so sind sie nun in einer sehr abgeschwächten Form. Diese Veränderung bewirkt dann, dass der integrative Prozess kontinuierlich fortgesetzt werden kann:
– Das Verhalten ist nun vereinbar mit den schulischen Anforderungen;
– die Situation bleibt tragbar im Rahmen der Klasse und für die gesamte Grundschulzeit;
– weitere unterstützende Maßnahmen können greifen, da keine gravierenden Erfahrungen von Schulversagen gemacht wurden.
Gudrun Wörner
Vorklassenleiterin